SeitenWechsel. So nennt sich ein Projekt für Führungskräfte. Manager wechseln für kurze Zeit vom Chefsessel in andere Lebenswelten. Achim Lenzen ist einer der SeitenWechsler. Er arbeitet für die Berlin Hyp AG. Eine Woche hat er im Ricam Hospiz hospitiert und berichtet von seinen Erfahrungen.


„Oh Gott – das ist ja ganz hart“, war die Aussage einer Krankenschwester im Ricam Hospiz, als die Sprache auf Kinderhospize kam. Je jünger die Patienten, desto härter wird es für alle Beteiligten. An meinem vierten Tag zog ein Mann ins Hospiz ein, Familienvater, Ende 30 – metastasierender Gehirntumor – das ging nahe.

Aber von Anfang an. Ich hatte das Ricam Hospiz vor meinem Dienstbeginn kennengelernt. Johannes Schlachter, der Hospiz- und Pflegedienstleiter, hatte mich bei einem ersten Termin bereits mit den Räumlichkeiten vertraut gemacht. Was mir sofort aufgefallen war, waren die Papiersterne, die im Türrahmen jedes belegten Hospizzimmers hingen.
Dies ist ein Ritual. Jeder neue Patient erhält einen solchen Stern, der nicht untergeht. Wenn der Patient gestorben ist, verbleibt dieser Stern im Hospiz, zusammen mit den vielen vorangegangenen in einem großen Glaskasten. Es müssen bislang hunderte sein, die hier ein buntes Meer bilden; jedes Jahr wird eine andere Farbe gewählt.

Ich hatte mich im Orientierungsgespräch gleich für den Frühdienst gemeldet. Montag bis Freitag, jeweils von 07:00 bis 15:00 Uhr. Melden sollte ich mich bei Schwester Gerlinde. Ich hatte schon einmal ein paar Monate in einer Drogenklinik gearbeitet, so war mir das grundsätzliche Prozedere der Dienstübergaben nicht neu. Neu war aber, wie ausführlich die Übergaben stattfanden. Jeder einzelne Patient wurde exakt beschrieben, was hat er gemacht, wie hatte er geschlafen, was und wieviel gegessen und was macht die Verdauung?, waren immer wiederkehrende Punkte.

Team-Übergabe im Ricam Hospiz Foto: (C) Cathrin Bach - Konzept und Bild

Team-Übergabe im Ricam Hospiz Foto: (C) Cathrin Bach – Konzept und Bild

Das, was mir sehr schnell klar wurde, war, dass ich mich hier in keinem Krankenhaus befand. Ich wurde dem Krankenpfleger Philipp zugeordnet. Wir hatten gleich ein wenig Zeit uns zu beschnuppern und über das Sterben zu sprechen. Ein Thema, das hier wirklich nah ist, nicht ausgespart wird und jederzeit anzusprechen ist.

„Sterben ist vielleicht wie geboren werden“ – meinte Philipp. „Man befindet sich am Übergang in eine andere Welt, gibt eine Geborgenheit auf und geht ins Unbekannte wobei alles schlagartig anders ist – wie weiß natürlich niemand, auch nicht das Baby im Geburtskanal.“

Mein erster Dienst fing dann auch gleich mit der Frühstücksausgabe an. Die Küche bereitete für jeden einzelnen Patienten ein individuelles Frühstück zu, auffallend waren die kleinen Portionen, der Hunger lässt wohl nach. Mir waren insgesamt fünf Patientinnen zugeordnet oder besser gesagt, ich war wohl eher ihnen zugeordnet. Nach einer Vorstellungsrunde, „und wie lange bleiben Sie?“ – „nur eine Woche“ – „ach so na dann“, ging es los: Morgentoilette. Philipp, der Krankenpfleger, fragte immer sehr lieb, ob diese oder jene Tätigkeit für mich in Ordnung wäre. Manchmal musste ist schlucken, aber ich war nun mal hier und die Patienten haben am Anfang vor allem mir geholfen. Gesicht, Hände, Arme und Oberkörper waschen und Zähne reinigen, meist die Dritten, waren meine Tätigkeiten des ersten Vormittags.
Und dann kam Philipp mit Frau R. eine tolle ältere Dame, die sich so auf ein schönes Vollbad freute. „Kannst Du mir bei Frau R. helfen, ist das okay für Dich?“ Ich fragte mich vielmehr, ob dies okay für Frau R. wäre – aber dies war es, schließlich hatten wir uns ja bereits kennengelernt. Das Beschnuppern geht hier schneller.

… und man baut sehr schnell eine Beziehung auf. Meine fünf Damen hatte ich sogleich ins Herz geschlossen und war erstaunt, wie schnell der erste Tag herumging. An diesem Tag, es war der Montag, ging es ihnen auch noch relativ gut. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt 3 Wochen, manchmal auch länger.

Am nächsten Morgen betrat ich bereits mit einer gewissen Unruhe die Station, ob auch noch alle Sterne in den Türen hängen. Meine fünf Damen waren alle noch da. In der Tür eines anderen Abschnitts fehlte allerdings der Stern. Stattdessen brannte eine Kerze und Blumen waren im Türrahmen abgestellt. Etwas verlegen betrat ich das Dienstzimmer. Und hier hatte ich nun ein richtiges Schlüsselerlebnis. Die Kollegen waren zwar ruhig, das sind sie eigentlich immer, nein sie waren durchaus gelöst. Herr P. hatte es gut geschafft. Er hatte sich bereits in der Nacht „auf den Weg gemacht“ und ist dann gegangen. Die Kollegen waren erleichtert, dass er seinen letzten Weg ohne Qual gefunden hatte.

Gemeinsam Abschied nehmen im Ricam Hospiz. Foto: (C) Zlatka Fischer

Gemeinsam Abschied nehmen im Ricam Hospiz. Foto: (C) Zlatka Fischer

Es ist hier kein Krankenhaus. Nicht Heilung ist das Ziel, sondern die Möglichkeit eines weitgehend selbstbestimmten Weges ins Unbekannte. Dabei zu helfen, Schmerzen zu lindern, bei alltäglichen Handlungen zu helfen und einfach nur da zu sein, ist die Aufgabe und die Mission. Ich habe hier auch gemerkt, wie unglaublich wichtig Körperlichkeit ist. Die Hände halten, über die Stirn streichen und einfach mal am Bett sitzen und ein wenig reden kann so wertvoll sein. „Sie kommen doch wieder, Sie vergessen mich doch nicht?“, das hatte ich einige Male gehört und es wirkte immer leicht verstörend.

Natürlich gibt es auch Kurioses. Ich hörte von Patienten, die Morphium ablehnten, weil sie trotz ihres Alters von 95 Angst vor Abhängigkeit hatten. Andere sollten auf Anraten ihrer Angehörigen, trotz ernstester Prognose, lieber nicht so viel rauchen – der Gesundheit wegen.

„Achim, kannst Du mir helfen – aber nur wenn es okay für Dich ist …?“, fragte mich Schwester Gerlinde so freundlich und höflich wie immer und in einer Art, die auch immer eine Absage zulassen würde. Hier wurden mir nie rhetorische Fragen gestellt. Wir mussten Herrn S. anziehen und sein Bett bereiten. Er war ebenfalls in der Nacht gestorben und schon nicht mehr so beweglich. Ich hatte zwar schon Leichen gesehen, Omas, Tanten usw., aber noch nie etwas mit ihnen gemacht. Es hat etwas mit Würde zu tun, Menschen auch auf diesem Weg zu helfen. Ich hatte allerdings nie den Gedanken, die Menschen oder auch die Toten so zu behandeln, wie ich gerne mal behandelt werden würde. Dies ist für mich ohne Bedeutung gewesen. Ich sah wirklich nur den ganz speziellen Menschen vor mir, mit dem ich gerade tatsächlich zu tun hatte. Und ich denke, dass dies den Leben, die gelebt wurden, gerechter wird, als deren Schicksale auf mich zu übertragen oder umgekehrt.

Trotz der sehr ungewohnten Aufgaben wurde ich mit einigen Tätigkeiten auch schon nach wenigen Tagen etwas routinierter. Ich konnte verschiedene Damen dazu überreden mit mir das Mittagessen gemeinsam in der großen Küche einzunehmen. „Dann haben wir jetzt ein Date“, beantwortete Frau R. meine Einladung.

Ich verabschiedete mich zu jedem Dienstschluss von meinen Patientinnen und freute mich, sie am nächsten Tag wieder zu sehen. Zwei von ihnen ging es in dieser Woche von Tag zu Tag schlechter. „Sie machen sich auf den Weg“ hieß es und ich verbrachte einige Zeit bei ihnen. Als ich am Freitag nach der Frühschicht endgültig ging, spürte ich schon so etwas wie Abschiedsschmerz. Ich hatte alle meine Patientinnen noch mal gedrückt und von einer auch einen dicken Schmatzer auf die Wange bekommen, was mich sehr gerührt hatte, da gerade diese Patientin kaum noch reden konnte, wir uns aber trotzdem sehr gut verstanden haben.

Bei den beiden akuten Fällen ist die Geschichte aber für mich offen geblieben. Ich habe sie gepflegt, sie lagen im Sterben, aber ich weiß nicht wann und wie sie es geschafft haben – das passierte nicht mehr in meinem Dienst …

Ich habe versucht, meinen kurzen Erfahrungsbericht so nüchtern wie möglich zu erzählen. Leicht wäre es mir gefallen, ihn deutlich gefühlsbetonter auszugestalten. Dies habe ich bewusst vermieden. Aus Respekt vor den Patienten aber auch aus Respekt vor meinen Pflege-Kollegen (worauf ich stolz bin, das sagen zu dürfen). Sie leisten hier eine unglaublich tolle Arbeit. Sie reagieren in Lichtgeschwindigkeit auf die Patentenklingel und tun alles in ihrem Bemühen, den Patienten Hilfe und Unterstützung zu geben und sich einfach liebevoll zu kümmern – sie geben dem Leben Spielraum, gerade in der letzten Phase.

Achim Lenzen
leitet die Immobilienbewertung Ausland der Berlin Hyp AG
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Studium der Geologie an der RWTH Aachen und der FU Berlin; Tätigkeit in Berliner Ingenieurbüro im Bereich der Altlastenerkundung und -sanierung; seit 1996 Gutachter für bebaute und unbebaute Grundstücke bei der Berlin Hyp AG – dort als Leiter verantwortlich für die internationale Wertermittlung; maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung der Bewertungssoftware LORA; Dozent bei der VÖB-Service GmbH, verschiedenen Sparkassenakademien und anderen Weiterbildungsträgern; Autor der Fachbuches „Bewertung von Standardrenditeimmobilien“.

Mehr über das Ricam Hospiz

Das Ricam Hospiz gibt es seit 1998. Es war damals das erste stationäre Hospiz Berlins. Nun plant die Ricam Hospiz Stiftung ein neues Pionierprojekt – ein Tageshospiz. Denn noch immer erleben Menschen mit schwersten Erkrankungen prekäre Situationen zu Hause. Meist müssen sie dann ins Krankenhaus. Das wollen wir ändern. Und dafür brauchen wir Ihre Hilfe! Unterstützen Sie den Aufbau des Tageshospizes mit einer Spende! Oder beteiligen Sie sich an unserer Aktion „Ein Augenblick Leben“ auf Facebook!
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