15 Zimmer - ein Film von Silke Schissler

Etliche Tage hat die Filmemacherin, Silke Schissler, im Ricam Hospiz das Hospizteam mit der Kamera begleitet. Protagonistin ihres Films ist Slobodanka, eine Mitarbeiterin aus der Hauswirtschaft. Täglich reinigt sie die 15 Hospizzimmer und hat engen Kontakt zu sterbenskranken Menschen. Silke Schissler hat ein Kleinod dokumentarischer Filmkunst erschaffen, das die Arbeitswelt „Hospiz“ sehr fokussiert auf die Hauswirtschaft einfängt. Mittlerweile lief der Film „Fünzehn Zimmer“ auf der renommierten Dok Leipzig, auf der Duisburger Filmwoche und nun feiert er seine Berlin-Premiere. Im Interview erzählt uns die Regisseurin, wie sie die Drehtage im Hospiz verändert haben.

Silke, Du hast Dokumentarfilm-Regie an der Film-Arche in Berlin studiert. Warum hast Du für Deinen Abschluss-Film das Thema Hospiz gewählt?
Ich wollte mich für begrenzte Zeit und mit dem Medium Film mit Vergänglichkeit auseinandersetzen. Mir fällt schwer zu akzeptieren, dass Kräfte nachlassen oder geliebte Menschen sterben können. Zugleich glaube ich aber auch fest daran, dass diese Akzeptanz total wichtig ist für ein ‚gutes Leben‘. Ein Satz, den ich mal aufgeschnappt habe, ließ mich länger nicht los: „Wer Angst hat vor dem Tod, der hat auch Angst vor dem Leben.“ Dem wollte ich mich auf meine Art und Weise stellen.

Am Sonntag, den 23. April um 17:15 Uhr, wird der Film „Fünzehn Zimmer“ gemeinsam mit dem Film „Garten der Sterne“ gezeigt. Wir verlosen 2 Freikarten für die Vorstellung im Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Wer unseren Newsletter (Hospizbrief) abonniert hat und uns bis Donnerstag eine E-Mail schreibt (bitte mit Vor- und Zunamen) nimmt an der Verlosung teil.

Bei den Vorgesprächen im Ricam Hospiz hast Du gesagt, Du willst mit der Kamera teilnehmend beobachten. Das ist der Ansatz des „Direct Cinema“, einer Dokumentarfilmschule aus den 60ern. Inwiefern ist Dir und Deinem Team das rein teilnehmende Beobachten gelungen? Immerhin ist das Hospiz ja doch ein sensibler Drehort.
Vor allem durch Zeit und Offenheit. Ich war für einige Monate immer wieder vor Ort gewesen, ohne Technik und ohne Team. Ich habe bei verschiedenen Arbeitsprozessen hospitiert und war mit Bewohner_innen und Angehörigen im Gespräch. Letztlich ist dies ein gängiger Prozess der Recherche, gerade für einen beobachtenden Dokumentarfilm: viel vor Ort sein, Menschen, Abläufe und Situationen kennenlernen. Sich selbst zeigen und in Kontakt sein. Das Ricam war dabei sehr unterstützend, sehr offen und freundlich dem Projekt gegenüber.
Ich muss ja zunächst auch für mich selbst klar werden, was genau interessiert mich an diesem Ort? Was finde ich vor und was möchte ich wie darstellen? Dieses Zusammenspiel von Gegebenheit, Konzept und Zufall macht den dokumentarischen Prozess aus, den ich liebe. Ich habe für mich keine Kategorien wie ‚Direct Cinema‘ oder ‚Cinema Verité‘. Mir war klar, ich möchte vor allem eine Atmosphäre/Stimmung/Haltung des Ortes ‚Hospiz‘ transportieren. Dafür bietet sich der beobachtende Ansatz an, also keine Interviews, Kommentar und dergleichen, kein informativ-sachlicher Stil. Ich wollte ein Eintauchen ins Sujet ermöglichen, indem Situationen und Beziehungen direkt erfahren werden können. Das heißt aber nicht, dass wir als Filmteam versuchen unsichtbar zu sein. Wir sind sichtbar und präsent, aber wir greifen nur wenig ein. Wir wählen aus und gestalten. In allen Prozessen des Filmemachens: von der Recherche über den Dreh bis in die Montage.

Der Film thematisiert vor allen Dingen den Arbeitsplatz „Hospiz“ und die Auseinandersetzung des Personals mit Krankheit, Sterben und Tod. Warum hast Du Dich entschieden überwiegend unsere Hauswirtschafterin und Reinigungskraft Slobodanka Müller mit der Kamera zu begleiten und nicht etwa eine Ärztin, wie es die Regisseurin Mechthild Gaßner in Ihrer Doku-Serie getan hat, oder eine Pflegefachkraft, die ja oft in TV-Dokus zu Wort kommen?
An der Hauswirtschaft hat mich interessiert, wie es ist, als Hausmeister oder Reinigungskraft im Hospiz mit der täglichen Konfrontation des Todes umzugehen. Pflege, Ärzte oder Sozialarbeit sind in ihrer Ausbildung und Berufsausübung viel eingeladener, sich damit auseinanderzusetzen. Ingo, der Hausmeister hatte ohne viel zu überlegen die Stelle im Hospiz angetreten und war erstmal ganz schon geplättet, dann immer faszinierter von dieser Konfrontation. Slobodanka, die Reinigungsfrau ist die Einzige, die täglich in jedes der 15 Zimmer des Hospizes geht und je nach Kapazität und Sympathie Beziehungen mit den Bewohner_innen pflegt, inklusive dem Prozess des Abschied Nehmens. Das hat mich fasziniert, dass im Berufsbild der Hauswirtschaft die Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit nicht direkt etabliert ist und an diesem Ort doch so massiv zum Tragen kommt.
Die Pflege ist ja auch Teil des Filmes, allerdings sehen wir sie nicht auf den Zimmern oder in direktem Kontakt mit den Bewohner_innen, sondern wir sind bei den Übergaben im Dienstzimmer dabei. Zum einen wollte ich keine gängigen Bilder reproduzieren, vor allem aber haben mich die Übergaben fasziniert, weil auch hier so viel zu spüren ist vom Wesen und der Haltung des Hospizes: wieviel Zeit sich genommen wird, welch hohen Stellenwert die Biografie und soziale Lage der Bewohner_innen haben und auch, wie die Pflegefachkräfte selbst emotional eingebunden sind. Auch gefiel mir der Aspekt, dass durch die erzählerische Ebene in den Übergaben eigene Bilder im Kopf der Zuschauenden entstehen können.

Der Film wirkt ja streckenweise nahezu kontemplativ. Zuschauer, die das Ricam Hospiz gut kennen, meinten, dass im Film die Lebendigkeit, für die das Ricam Hospiz bekannt ist, fehlt. Häufig sieht man in den Einstellungen leere Flure, statt Menschen, ehrenamtliche Mitarbeiter oder Fachpersonal. Spielt hier doch die Absicht hinein mit Hilfe des Schnitts eine Dramaturgie zu verfolgen, eine bestimmte Stimmung und Haltung zu vermitteln, die deiner durchaus legitimen Perspektive als Filmemacherin entspricht?
Die Bilder der ruhigen Flure haben wir immer eingesetzt, um in die Erzählebene der Übergaben einzusteigen. Die gerade erwähnten ‚eigenen Bilder im Kopf‘ brauchten einen Raum, der sie eröffnet, der sich auch filmisch abhebt von den sonstigen Beobachtungen.
Auch der inhaltliche Fokus auf die Begegnungen von Slobodanka und den Bewohner_innen auf ihren Zimmern macht den Film kontemplativer, da wir eben wenig im Gemeinschaftsraum oder der Küche gedreht haben, wo ja mehr Menschen aufeinandertreffen.
Hier kommt wieder meine Vorliebe für Reduktion und Fokus ins Spiel. Jeder Film gibt einen bestimmten Blick, eine bestimmte Sicht und keine objektive Lage wieder. Für mich sind die Erzählungen in den Übergaben und die Begegnungen von Danka mit den Bewohner_innen und innerhalb ihres Teams sehr lebendig. Eigentlich ist dies auch für mich die Kernaussage im Film und in dem Prozess der Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit: es wird gelebt bis zum letzten Tag.

Wie hat Dich die Arbeit am Film mit deiner eigenen Endlichkeit konfrontiert?
Sehr. Das habe ich mir ja auch gewünscht und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Endlichkeit und Vergänglichkeit sind keine Frage des Alters, so schmerzhaft diese Tatsache auch ist. Zugleich ist bei mir eine gewisse Befriedung eingekehrt. In den Monaten, in denen ich regelmäßig im Ricam war, habe ich mich gerade durch diese Konfrontation sehr bei mir, sehr geerdet gefühlt. Denn wenn Vergänglichkeit und Endlichkeit präsenter sein können, dann fallen so manchen Allüren oder unnötige Grübeleien weg. Dann ist klar: wenn ich das sagen will, dann sage ich das auch. Wenn ich das machen will, dann mache ich das auch. Ich habe Geburtstag, dann feiere ich den auch richtig etc. Es tritt sehr klar hervor, was wirklich wichtig und wesentlich ist und dem wird entsprochen. Das ist das Wesen des Hospizes und das wird von allen vor Ort gelebt. Die Qualität des Sterbens ist nicht zu trennen von der Qualität des Lebens.

Was fällt Dir mittlerweile als Erstes ein, wenn Du das Wort ‚Hospiz‘ hörst?
Ruhe und Trost. Ich bin sehr froh zu wissen, dass es Hospize gibt. Dass es die Möglichkeit gibt, medizinisch und sozial auf würdevolle und respektvolle Weise professionell begleitet zu werden im Sterbeprozess. Sei es als Sterbende oder Angehörige. Und dass ich mir wünsche, dass viel mehr Menschen davon wissen und informiert sind.

Dein Film ist kein Imagefilm pro Hospize. Dennoch ist zu überlegen, ob Dein filmischer Beitrag dazu beitragen kann, die Ängste und das Unbehagen vieler Menschen gegenüber Hospizen abzumildern. Was meinst Du, inwiefern eignet sich der Film dafür?
Eine Zuschauerin in Leipzig meinte, ob denn Hospize als Orte sozialer Utopie verstanden werden könnten. Sie war sehr beeindruckt von der Art und Weise des Miteinanders aller vor Ort, gerade in dieser existentiellen Situation. Für sie war es eine Art Modell für Gemeinschaft überhaupt.
Wir haben bei Screenings erlebt, wie die Zuschauenden sehr positiv auf den Ort Hospiz reagiert haben, zugleich aber auch sehr berührt waren von der Tatsache der Endlichkeit und Vergänglichkeit. Ich kann mir vorstellen, dass wohl eine gewisse ambivalente Haltung zum Hospiz dazugehört, einfach, weil Sterben, auch wenn es gut begleitet wird, doch schmerzhaft und traurig ist?

Wie geht es nun weiter mit dem Film? Wo kann man ihn sehen? Was hast Du damit vor?

Der Film ist momentan in der Festival-Auswertung. Er wurde bisher auf der DOK Leipzig und der Duisburger Filmwoche gezeigt, jetzt im April auf Achtung Berlin. Wir freuen uns sehr auf diese Berlin-Premiere, weil nun viele aus der Stadt die Möglichkeit haben, den Film im Kino zu sehen. Übrigens im Programm mit einem weiteren Film „Garten der Sterne“, der den Matthäus Friedhof in Kreuzberg portraitiert. Also ein schöner Slot zum ThemaVergänglichkeit.
Wir reichen „Fünfzehn Zimmer“ weiter auf Festivals ein und werden bei geeignetem Anlass den Film zeigen und eigene Veranstaltungen organisieren. Zum Beispiel werden wir im September im Rahmen der Hospizwoche mit dem Ricam Hospiz ein Screening mit anschließender Diskussionsrunde veranstalten. Wir sind auch immer ansprechbar für Ideen und Anlässe. Ein Film ist dazu da, gesehen zu werden.

Wir laden Dich ein, unsere Aktion „Ein Augenblick Leben“ zu unterstützen. Damit möchten wir den Aufbau des Tageshospizes bekannt machen. Wenn Du einen Augenblick Deines Lebens jemandem schenken könntest, dem nur noch wenig Lebenszeit bleibt, welchen würdest Du geben?

Japanische Kirschblüten

Gerade blüht ja alles um einen herum, auch hier in der Stadt. Ich liebe besonders die Blüten der Magnolien und die der Obstbäume. Die Blütezeit ist ja wirklich extrem kurz, dafür aber so prall und voller Überfluss. Die Magnolie zum Beispiel beginnt ja gleich mit dem Schönsten, mit der Blüte, und erst später sprießen irgendwann die Blätter. Ich wohne am Landwehrkanal, da blühen gerade die japanischen Kirschen. Davon habe ich ein Bild mitgebracht, das mich glücklich macht und diesen Augenblick teile ich gerne.


Welchen Augenblick würden Sie geben? www.ein-augenblick-leben

Regisseurin "Fünzehn Zimmer"

Silke Schissler, Regisseurin „Fünzehn Zimmer“

Silke Schissler, 1979 geboren, studierte Politikwissenschaften in Münster und Berlin. Ihre filmische Leidenschaft begann in einem Berliner Videokollektiv mit Arbeiten über soziale Bewegungen und unkonventionelle Persönlichkeiten. Sie leitete Filmworkshops mit Jugendlichen und studierte 2012-2016 Dokumentarfilm-Regie an der filmArche Berlin.

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